Brackenheimer Wein - gestern und heute: Stadt Brackenheim

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Brackenheimer Wein - gestern und heute

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Brackenheimer Wein - gestern und heute

„Willkommen in der Wein- und Heuss-Stadt Brackenheim“, so werden die Besucher Brackenheims an allen Ortseingängen begrüßt. Nirgendwo in Württemberg stehen so viele Rebstöcke wie rund um Bracken­heim. Mit etwa 840 Hektar Anbaufläche (dies entspricht rund 1.200 Fußballfeldern) ist die Geburtsstadt des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss mit den Stadtteilen Botenheim, Dürrenzimmern, Haberschlacht, Hausen an der Zaber, Meimsheim, Neipperg und Stockheim die größte Weinbaugemeinde in Württemberg und die größte Rotweingemeinde Deutschlands.
Da wir nicht nur die größte Weinbaugemeinde sind, sondern auch für ein vielfältiges vinophiles Angebot stehen, hat die Stadt Brackenheim im Herbst 2020 das neue Siegel „Weinsüden Weinort“ der "Tourismus Marketing Baden-Württemberg GmbH" für die Dauer von drei Jahren verliehen bekommen.
Um Ihnen die Macher und die Hintergründe der Brackenheimer Weine näher zu bringen, möchten wir Ihnen, liebe Bürgerinnen und Bürger, ab Juni in jeder Gesamtausgabe des Amtsblattes, und zusätzlich auf der städtischen Homepage, die Geschichte und Gegenwart des Brackenheimer Weinbaus präsentieren.
"Brackenheimer Wein - gestern und heute" ist ein gemeinsames Projekt der Stadtarchivarin Dr. Döbele-Carlesso sowie der Stabsstelle für Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und Events. Wir werden Ihnen die Brackenheimer Weingärtnerinnen und Weingärtner persönlich vorstellen sowie tief in die Geschichte des Brackenheimer Weinbaus eintauchen.

Lassen Sie sich überraschen, was der Weinbau in Brackenheim alles zu bieten hat!

Aus der Geschichte des Brackenheimer Weinbaus: Römischer Weinbau im Zabergäu?

Haben die Römer den Weinbau in unserer Gegend eingeführt? Darüber kann nur spekuliert werden, denn auch die in den letzten Jahrzehnten stattgefundenen zahlreichen archäologischen Ausgrabungen konnten bislang keinerlei Beweise dafür liefern. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts jedenfalls war man trotz mangelnder Belege vom Weinbau der Römer im Zabergäu fest überzeugt. In einem Vortrag, gehalten auf der Herbstversammlung des Württembergischen Weinbauvereins in Brackenheim im August 1909, führt Stadtpfleger und Weingutsbesitzer August Wendel aus: „Die Blütezeit Süddeutschlands unter der Römerherrschaft fällt etwa in die Zeit von der Mitte des zweiten bis gegen Ende des dritten Jahrhunderts, und es kann als sicher angenommen werden, daß um diese Zeit die ersten Anfänge des Weinbaus im Neckartal und unserer Gegend fallen. Die gallischen und römischen Kolonisten waren an den Wein gewöhnt, kannten dessen Bau und fanden bald hiefür geeignete sonnige Abhänge. Der Wein wurde ein gesuchter Tauschartikel; die alten Deutschen gewöhnten sich an den Weingenuß, und bald war er ihr Lieblingsgetränk.“

Diese Überzeugung hatte damals sogar den Weg in die Vereinigten Staaten gefunden: Am 19. Juni 1901 erschien im New Yorker Schwäbischen Wochenblatt das scherzhafte Gedicht „Cajus und Sabina oder die Einführung des Weinbaus in Niederschwaben. Eine zabergäuische Liebesgeschichte aus der Römerzeit“. Verfasser ist der Erligheimer Lehrer, Literatur- und Lokalhistoriker sowie Mitbegründer des Zabergäuvereins August Holder, der seine 126 Vierzeiler im September jenes Jahres auch als „Herbstgruß“ veröffentlichte. Darin wendet er sich in einem Vorwort an den Leser: „Was in nachfolgenden Blättern erzählt ist, möge als harmloser Scherz aufgefaßt werden (…). Gleichwohl hat die Erzählung ihren wahren Hintergrund: der Weinbau des Zabergäus gehört zu den ältesten derartigen Versuchen im Unterland; die 1885 bloßgelegten Reste des römischen Bauernhofs bei Meimsheim erregten damals die Aufmerksamkeit der Kenner in nicht geringem Maße. (…) Gerne entsprach ich deshalb dem mehrfach geäußerten Wunsch, die lustige Geschichte, welche da und dort schon durch Vortrag bekannt geworden war, der Öffentlichkeit zu übergeben. Der Geist unseres Cajus, des Urbans vom Zabergäu, sei hiemit freundlich begrüßt: In dem Glücksherbst neunzehnhundert / Schaut sich alles hochverwundert / Nach des Segens Stifter um; / Cajus, Cajus, kühnentdeckter, / Nie geborner, doch erweckter – / Dich preist heut Dein Publikum! Im Jahr der Entstehung 1900.“

Es waren also die 1885 entdeckten Baureste des römischen Gutshofes im Kaywald, die Holder zur Erfindung seines römischen Weingärtners inspirierten: Cajus, der sich in Meimsheim niederlässt, dort den ersten Weinberg anlegt und die Alemannin Sabina ehelicht. Cajus erweist sich als generöser „vinitor“, der den Alemannen nicht nur die Arbeiten im Weinberg, sondern auch die Weinherstellung vermittelt: „Er versäumte manche Stunde / Wenn er machte seine Runde / Um zu lehren voller Gunst / Wein zu machen ohne Kunst.“

August Holder lässt sein Gedicht mit den folgenden Versen enden: „Cajus, lebst nur im Gedichte, / Dennoch lehrst du auch Geschichte: / Deiner Volksgenossen Spur / Ist die schwäb’sche Frohnatur; / Denn wir wissen, Deine Reben / Bluteten ein neues Leben / In das Schwabenherz hinein, / Das nun schätzet Deinen Wein. / Zugezog’ner Zabergäuer, / Weinbauvater, Herzerfreuer, / Teurer Cajus Rusticus: / Hier noch einen Dankeskuß!“

Doch erst in karolingischer Zeit ist der Weinbau in unserer Gegend historisch belegt. Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahre 793. Damals vermachte die Nonne Hilteburc dem Kloster Lorsch an der Bergstraße eine umfangreiche Stiftung, zu der auch zwei Weinberge am Michaelsberg und ein weiterer Weinberg in Bönnigheim gehörten.

Interview mit dem Weingut Anita Landesvatter

Bitte stellen Sie einleitend sich und Ihr Weingut kurz vor.

Mein Name ist Anita Landesvatter, ich bin 48 Jahre jung, verheiratet mit meinem Mann Thomas und unsere beiden Kinder Marco und Marie machen die Familie komplett. Ich bin staatl. geprüfte Technikerin für Weinbau und Kellerwirtschaft.
Unser Weingut wurde im Jahr 2000 gegründet. Derzeit bewirtschaften wir ca. 6 Hektar Rebfläche mit einem weitreichenden Rebsortenspiegel mit heimischen und internationalen Rebsorten.

Wie sind Sie zum Weinbau gekommen?

Weinbau wird seit mehreren Generationen in der Familie betrieben. Ich bin bereits im Windelalter mit und im Weinberg groß geworden. Sehr früh hat mich der Weinbau interessiert und dann ist es nicht weit, in diesem Bereich eine Ausbildung zur Winzerin zu machen. Neben verschiedenen Weinbaubetrieben und der Ausbildung zur Technikerin für Weinbau und Kellerwirtschaft in Weinsberg, hatte ich die Möglichkeit, einen einjährigen Auslandsaufenthalt in den USA – natürlich in Kalifornien – wahrzunehmen. Dies war eine abwechslungsreiche und intensive Zeit auf verschiedenen Weingütern. Dies ermöglichte mir einen gewissen Blick über den „Tellerrand“.

Was macht Ihnen an Ihrem Job besonders viel Freude? Was treibt Sie an?

Die Vielfältigkeit die ich als Winzerin tagtäglich erleben kann, bereitet mir große Freude! Jeder Tag ist anders. Sei es im Weinberg, im Keller beim Ausbau der Weine oder im Verkauf. Mein Ziel ist und bleibt es, tolle Weine auszubauen, die unseren Weinfreunden ein Lächeln ins Gesicht zaubern, wenn sie diese genießen. Jedes Jahr ein wenig besser zu werden, das spornt mich an. Ich betreibe meine Arbeit mit großer Leidenschaft! Wein ist Inspiration! Ich denke, dass schmeckt man auch bei unseren Weinen.

Wie sieht ein typischer Tag auf Ihrem Weingut aus?

Das ist sehr unterschiedlich, je nachdem was es zu erledigen gilt. Einmal die Arbeiten im Außenbetrieb, in den Weinbergen oder dem Pflanzenschutz. Dann die Arbeiten im Weinkeller zum Ausbau der Weine oder verschiedene Abfüllungen planen und durchzuführen. Dann natürlich nicht zu vergessen die Weinauslieferungen und der Weinverkauf ab Hof. Alles in allem ist jeder Tag neu zu planen und zu organisieren. Und die Familie darf auch nicht zu kurz kommen! So ist der Tag gut ausgefüllt.

Was zeichnet Ihr Weingut besonders aus?
Wir sind sehr familiär und bodenständig aufgestellt. Weltoffen, ehrlich und freundlich gegenüber unseren Kundinnen und Kunden aufzutreten, ist gelebte Nähe und unser Markenzeichen. Schauen Sie doch mal vorbei. Wir freuen uns auf Sie!

Wie viele verschiedene Weine produzieren Sie?
Wir haben ca. 30 verschiedene Weine, Secco und Sekte bei uns im Verkauf. Also eine große Auswahl! Für jede Richtung ist etwas dabei. Trocken, mit Restsüße oder auch edelsüße Spezialitäten. Auch für geistige Tropfen oder feine Liköre haben ihren Platz. Probieren lohnt sich!

Wie viele Flaschen füllen Sie im Jahr ab?
Wir füllen ca. 35.000 bis 40.000 Flaschen im Jahr ab. Wir gehören da zu den kleineren Weingütern in Brackenheim.

Was weiß fast niemand über Ihr Weingut?
Dass wir gerade ein brandneues Produkt auf den Markt gebracht haben: Unser „45er“! Ein Rotweincuvée in schwäbischen Eichenfässern gereift, verfeinert mit unserem eigenen, über 15 Jahre alten Weinbrand. Ein Genuss! Aber: ein ganz besonderes Kaliber! „G´fährlich gut“ halt!

Gibt es eine besondere Anekdote zu Ihrem Weingut?
Das SWR-Fernsehen war vor einiger Zeit zu Besuch bei uns im Weingut. Die allseits bekannte Moderatorin Sonja Faber-Schrecklein war mit uns in den Weinbergen. Dort half sie uns beim Biegen der Lemberger-Reben. Tja, was soll ich sagen, sie hat noch Luft nach oben als Biegehelferin! Die ersten beiden Ruten hat sie ein wenig überstrapaziert… und diese sind leider abgebrochen. Nach einer „Schrecklein-Sekunde“ ihr Ausspruch: „Oh! Scho gsoffä!„ Was haben wir gelacht!

Welchen Wein trinken Sie privat am liebsten? Von Ihrem Weingut und einem anderen.
Hmmh, das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Je nach Stimmung, einmal trocken, oder mit Restsüße. Zu jedem Anlass finden wir Dank der großen Auswahl immer den passenden Wein oder Sekt.
Welchen Wein ich von einem anderen Betrieb am liebsten trinke? Das ist schwer, denn ich habe bei allen anderen Brackenheimer Erzeugern, egal ob Weingut oder Genossenschaft, tolle Weine oder Sekte probiert.
Einer ist mir jedoch besonders in Erinnerung geblieben: Der 2017er Lemberger Divinus Reserve vom Weinkonvent Dürrenzimmern. Chapeau, lieber Kurt! Toller Wein!

Worauf sind Sie besonders stolz?
Auf meine Familie! Und auch auf unsere tollen Auszeichnungen für unser doch eher kleines Weingut. Hier eine Auswahl:

  • zweimaliger Staatsehrenpreisträger und Ehrenpreisträger der württembergischen Landesweinprämierung
  • Aufnahme in den Gault & Millau gleich mit Einstieg in die Zwei Trauben Liga!
  • Aufnahme in die Weinführer von Eichelmann und Falstaff
  • erster Platz mit unserem 2018er Weißburgunder Sekt trocken beim der bundesweiten Sektverkostung 2021 des Gault & Millau in der Kategorie Sekte trocken, sowie der 2017er Lemberger-Weißherbst Sekt trocken unter die Top 10 der 17er Rosésekte
  • unter den Top 3 der besten Rotweine bis 10 € im aktuellen Gault & Millau Weinführer platzierte sich unser „44er“ Rotwein-Cuvée trocken.

Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft?
Vor allem Gesundheit und Zufriedenheit, verbunden mit der Hoffnung weiterhin tolle, interessante Weine ausbauen zu können.

Kontakt zum Weingut
Weingut Anita Landesvatter
Schloßstraße 15, 74336 Brackenheim
07135 93 18 781
E-Mail
Hompepage
Öffnungszeiten: Freitag von 14.00 Uhr - 18.00 Uhr und Samstag von 11.00 Uhr - 16.00 Uhr oder jederzeit gerne nach Anmeldung

Interview mit dem Weingut des Grafen Neipperg

Den Anfang macht in dieser Ausgabe das Weingut des Grafen Neipperg. Von dem im Jahr 1120 erstmals bezeugten Bertilo von Schwaigern leitet sich das seit 1241 nach der Burg Neipperg benannte fränkisch-schwäbische Geschlecht Neipperg her, das 1302 die Herrschaft Schwaigern im Kraichgau erwarb. 1726 zu Reichsgrafen erhoben, gelangten sie 1766 in den Hochadel. Die Familie lebt auch heute noch im Schwaigerner Schloss und betreibt Land- und Forstwirtschaft. Geführt wird das Weingut in Schwaigern und Neipperg von Karl Eugen Graf von Neipperg und seinem Sohn Erbgraf Philip von Neipperg.

Bitte stellen Sie einleitend sich und Ihr Weingut kurz vor
Karl Eugen Graf von Neipperg: Unsere Familie ist bereits in der 28. Generation hier in der Region verwurzelt. Unser Weingut kann heute auf rund 800 Jahre Weinbaugeschichte zurückblicken. Sie sehen also: Wein ist schon seit langer Zeit ein Stück weit unser Lebenselexier.
Erbgraf Philipp von Neipperg: Ich bin nun seit etwa anderthalb Jahren wieder zurück in der Region, nachdem ich etwas die Welt entdecken und mich anderen Themen widmen konnte. Nach dieser spannenden Zeit im Ausland war es für mich schön, wieder dahin zurückzukommen, wo mein Herz zu Hause ist - in meinen elterlichen Betrieb, um diesen in der dann schon 29. Generation weiterzuführen.

Wie sind Sie zum Weinbau gekommen?
Karl Eugen Graf von Neipperg: Das liegt natürlich bei uns in der Familie. Man darf sich dabei aber nicht vorstellen, dass unsere Familie schon immer ein richtiges Weingut bewirtschaftet hatte. Man hatte früher zwar Weinberge. Aber wahrscheinlich war das Thema Weinbau früher nicht allzu hoch in der Familie angesiedelt. Man hatte damals den Wein zwar gerne getrunken, sich im Alltag aber stärker mit anderen Themen beschäftigt.
Erst etwa im 18./19. Jahrhundert merkte man, dass der Wein bei uns zunehmend zum Thema wurde – damals verabschiedeten meine Vorfahren auch erstmals eine Herbstordnung, in der stand, wie und was gelesen werden soll. Das allererste Thema war damals, dass man rote und weiße Trauben voneinander trennt. Erst danach hat man sich ganz langsam an die Besonderheiten der einzelnen Sorten herangetastet. Für uns im Betrieb ist der Muskateller die älteste Sorte – die Urkundenlage geht hier bis ins 17. Jahrhundert zurück.
Heute liegt uns natürlich der Lemberger besonders am Herzen, er macht jetzt rund 35 Prozent unserer Weinbaufläche aus. Er tauchte erstmals zu Beginn des 19. Jahrhunderts bei uns auf. Zwei Vettern spielten dabei damals übrigens eine wichtige Rolle. Der eine hatte den Lemberger, damals unter der Bezeichnung „Blaufränkischer“, nach Ungarn gebracht, der andere brachte ihn in unserer Region.

Was macht Ihnen an Ihrem Job besonders viel Freude? Was treibt Sie an?
Karl Eugen Graf von Neipperg: Ich finde es extrem spannend, mit der Natur zu arbeiten. Da lernt man auch, demütig zu sein, da man nicht alles regeln kann, weil man einfach von vielen Dingen, zum Beispiel von der Witterung und den Böden, abhängig ist. Man kann im Weinbau zwar auf der eigenen Erfahrung aufbauen, aber es gibt immer neue Herausforderungen, denn in vielen Bereichen ähnelt kein Jahr dem anderen. Außerdem hat das Produkt Wein viel mit Kommunikation zu tun. Wein ohne den Kontakt zum Menschen gibt es nicht. Gerade wenn man sich auch selbst um die Vermarktung kümmert, dann geht das nur mit dem dauernden Kontakt und dem gegenseitigen Austausch.
Erbgraf Philipp von Neipperg: Dazu kommt für mich, dass es einfach toll ist, Leuten eine Freude zu machen. Es tut einfach gut, etwas zu tun, was Menschen gefällt. Dabei treibt es mich schon an, dass unsere Produkte Menschen zusammenbringen können.

Wie sieht ein typischer Tag auf Ihrem Weingut aus?
Erbgraf Philipp von Neipperg: Für mich gibt es gar keinen typischen Tag, wir leben mit der Natur sowie mit den Jahreszeiten und deshalb gibt es immer einen neuen Tätigkeitsbereich. Deshalb liegt mein Schwerpunkt manchmal auf den Weinbergen, manchmal liegt der Fokus mehr auf dem Keller, wo man sehr viel probiert und manchmal sind wir auch unterwegs, um unseren Wein zu vermarkten. Dieser Abwechslungsreichtum ist ja auch das Schöne an dem Ganzen. Es ist immer Bewegung drin, es gibt immer etwas Neues.

Was zeichnet Ihr Weingut besonders aus?
Erbgraf Philipp von Neipperg: Natürlich zum einen die reiche Historie, aber natürlich auch unser Qualitätsanspruch. Was uns als Weingut außerdem ausmacht, ist unser sehr stabiler Mitarbeiterstamm. Wir haben da eine sehr gute Mischung aus „erfahrenen Hasen“ und „jungen Wilden“. So sind wir in unserer Qualität immer verlässlich, haben aber auch immer wieder neue Ideen sowie Impulse und können somit immer „am Ball“ und somit am Puls der Zeit bleiben.
Karl Eugen Graf von Neipperg: Unser Betrieb beschäftigt sich ja nicht „nur“ mit dem Weinbau, sondern auch mit klassischer Landwirtschaft, mit Forstwirtschaft und verschiedenen Dienstleistungen. Insgesamt arbeiten bei uns etwas über 20 Menschen.

Wie viele verschiedene Weine produzieren Sie?
Karl Eugen Graf von Neipperg: Man denkt es gar nicht, aber es sind dann eben doch 15 verschiedene Rebsorten bei uns. Bei vielen Weinen haben wir noch unterschiedliche Qualitätsstufen im Sortiment. Wenn man alles zusammenrechnet, dann kommen wir locker auf 25 verschiedene Produkte. Eigentlich wollen wir unser Sortiment immer wieder ein bisschen verschlanken, dann kommen aber immer wieder neue Ideen und neue Produkte hinzu. So kann es dann passieren, dass wir auf der einen Seite etwas einstampfen, auf der anderen Seite aber zwei neue Produkte entstehen (lacht). Davon lebt aber auch alles.

Wie viele Flaschen füllen Sie im Jahr ab?
Karl Eugen Graf von Neipperg: Über den Daumen gepeilt, füllen wir jedes Jahr so um die 240.000 Flaschen ab.

Was weiß fast niemand über Ihr Weingut?
Karl Eugen Graf von Neipperg: Mein größtes Geheimnis ist es, welchen Wein ich am liebsten trinke. Das verrate ich aber auch heute nicht (lacht). Das wäre so, wie wenn man gefragt wird, welches der eigenen Kinder einem das liebste wäre. Da können sie auch keine richtige Antwort geben. Das kann man schon ein bisschen vergleichen, denn man begleitet einen Wein von der Blüte bis zur Lese, dann durch den Keller bis in die Flasche. Mitunter liegen einem dann die Weine, die ein bisschen Probleme gemacht haben, besonders am Herzen. Ich kann Ihnen aber auch nicht sagen, welchen Wein ich heute abend trinken werde. Das hängt gar nicht so sehr davon ab, was es heute zum Abendessen geben wird, sondern noch viel mehr von meiner Stimmung.

Gibt es eine besondere Anekdote zu Ihrem Weingut?
Karl Eugen Graf von Neipperg: Es gibt tatsächlich eine geschichtliche Sache mit dem Muskateller, die ich hochspannend finde: Um das Jahr 1750 hatten wir hier in der Region die Situation, dass das Haus Württemberg sehr vereinnahmend war und die kleinen Herrschaften, liebevoll ausgedrückt, gerne unter ihre Fittiche nehmen wollte. In dieser Auseinandersetzung hat uns das Haus Württemberg verboten, unsere Weine in die württembergischen Gebiete einzuführen. Das war damals schon ein starker Angriff auf die wirtschaftliche Existenz unseres Weinguts und damit auch unserer Familie. Um dieser Blockade auszuweichen, hat man in Klingenberg, das ist auch ein alter neippergischer Ort, die Weine von hier auf die Treidel-Schiffe verladen, nach Wasserstand am Neckar hochgetreidelt, den Wein dann mit Ochsenkarren über die Alb und später auf der Ulmer Schachtel donauabwärts bis nach Wien transportiert. Dort hatte man die Keller des Lothringschen Palais gemietet – und von dort hat man dann für knapp 20 Jahre den Großteil der hiesigen Weine vermarktet. Damit wurden damals unsere Weine aus der Not heraus ausgerechnet in einer Region vermarktet, die ja auch nicht gerade wenig Wein um sich hat. Das wurde dann abrupt beendet, als, etwa um das Jahr 1770 herum, Aussaatgetreide im Land fehlte. Wir hatten welches, auch wenn uns nach der Archivlage nicht ganz klar wird, warum dies so war. Damals kam dann das Haus Württemberg auf uns mit der Frage zu, ob wir nicht Getreide liefern können. Dann wurde der so genannte „Große Vertrag“ abgeschlossen. Dort war geregelt, dass die Neippergschen Weine auf immer und ewig zollfrei in württembergische Gebiete eingeführt werden dürfen. Im Gegenzug haben wir uns verpflichtet, auch Getreide zu liefern, wahrscheinlich zu einem ordentlichen Preis (lacht).

Welchen Wein trinken Sie privat am liebsten - von Ihrem Weingut und einem anderen?
Erbgraf Philipp von Neipperg: Ich habe gar keine richtigen Favoriten, ich genieße die Vielfalt, die es hier gibt. Ich finde diese ganze Bandbreite wahnsinnig spannend.
Karl Eugen Graf von Neipperg: Wir probieren auch sehr viel rechts und links. Beim Thema Lemberger beispielsweise schauen wir schon auch beispielsweise, was die Österreicher oder die Ungarn machen. Das ist durchaus sehr spannend, wie sich andere Regionen mit dem Thema auseinandersetzen. In jedem Fall gilt: „Durch viel trinken, kann man viel lernen.“ (lacht). Aber Scherz beiseite: Es geht einfach darum, nicht im eigenen Saft kaputt zu gehen, sondern auch über den Tellerrand zu blicken. Auf dem Weinmarkt heute geht es zudem unter anderem um Trends. Diese muss man auch erkennen – und das gelingt nur, wenn man die Marktführer auch im Auge hat. Dabei muss man auch ein Gespür entwickeln, was nur ein Mode-Gag ist und was auch langfristig Bestand haben könnte.

Worauf sind Sie besonders stolz?
Karl Eugen Graf von Neipperg: Stolz ist ein saublöder Begriff. Aber was uns aus meiner Sicht ganz gut gelungen ist: Vor 25 Jahren wurden wir als Betrieb zwar wahrgenommen, waren aber bei weitem noch nicht so anerkannt, wie wir es heute sind. In dieser Phase hatten wir uns im Betrieb zusammengesetzt und uns gefragt: „Wie finden wir den Weg an die Spitze?“. Das war unser Ziel, wir wollten zu den Spitzenweingütern in Deutschland gehören und zwar mit dem bestehenden Mitarbeiterstamm. Das uns dies heute so gelungen ist, das ist etwas, das mich schon bewegt und auch bestätigt in unserer damaligen Vorgehensweise.
Erbgraf Philipp von Neipperg: Das ist auch eine Form der Nachhaltigkeit. Dazu gehört in unseren Augen nicht nur der ökologische Aspekt, sondern es ist genauso wichtig, gemeinsam mit dem Personal unseres Betriebs die Dinge vorantreiben und zu entwickeln.
Karl Eugen Graf von Neipperg: Dabei kommt uns auch unsere Verbundenheit zur Region zu Gute. Uns liegt mehr am Herzen wie der „schnöde Mammon“, sondern wir wollen auch Verantwortung für unsere Region, für unsere Natur, für unsere Mitarbeiter übernehmen.
Erbgraf Philipp von Neipperg: Nur ein Beispiel: Egal, wie unsere wirtschaftliche Situation war, wir haben immer ausgebildet – weil wir auch Verantwortung für die Zukunft unserer Branche übernehmen wollen.

Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft?
Karl Eugen Graf von Neipperg: Mein größter Wunsch ist es natürlich, dass unser Weg auch in den nächsten Generationen weiterbeschritten werden kann. Mit ein bisschen Gottvertrauen müsste das doch funktionieren.

Kontakt zum Weingut
Gräfl. Neippergsche Hauptverwaltung
Schloßstraße 12
74193 Schwaigern/Württ.,Schloss
Telefonnummer: 07138 941400
E-Mail
 

Aus der Geschichte des Brackenheimer Weinbaus - Alte Rebsorten

Weinberge im Zabergäu sind schon für das frühe Mittelalter urkundlich belegt. Dagegen werden in schriftlichen Quellen die hier angepflanzten Rebsorten erst im 16. Jahrhundert namentlich aufgeführt: Es sind dies Muskateller, Traminer und Elben.

Der Weintrinker des 16. Jahrhunderts begeisterte sich für den Muskatellerwein, wie einem Trinklied jener Zeit, dem sogenannten Muskatellerlied, zu entnehmen ist:

Mein treuester Bruder und Gespan
Liegt tief in einem Keller

Er hat ein hölzern Röcklein an
Und heisst der Muskateller.

Im altwürttembergischen Brackenheim hat man diese Sorte, die im Lande zu den beliebtesten und wertvollsten Traubensorten gehörte, als Hauptsorte angebaut. Am württembergischen Hofe wurde der Brackenheimer Muskatellerwein sehr geschätzt. So war Herzog Christoph 1566 darauf bedacht, dass ihm der Neubrackenheimer Muskateller fürderlich auch zugebracht werde, den er übrigens auch Kaiser Maximilian II. verehrte. In der Brackenheimer Herbstordnung von 1615 ist die Muskatellertraube ausdrücklich genannt.

Weit über das Zabergäu hinaus war das dem Deutschen Orden zugehörige Stockheim für seine Traminerreben bekannt. Im Lagerbuch des Klosters Kaisheim von 1534 wird in der Anleitung zum Bau des dem Kloster zugehörigen Burgweingarten in Esslingen ausdrücklich auf die Traminerstöcke in Stockheim verwiesen: Item zu Stockach bey Brackhenach im Zabergai werden die Traminer steckh erforschet. Als Kaiser Karl V. ebenfalls 1534 auf der Deutschordensburg Schloss Horneck weilte, bekam er Traminer vom Stocksberg verehrt. In Stockheim war der Traminer eindeutig die Hauptsorte, denn damals musste die auf den Stockheimer Weingärten lastende Weinabgabe, der sogenannte Bodenwein in Höhe von 34 Eimer, als reiner Traminerwein entrichtet werden. Auf Dürrenzimmerner Markung heißt eine Weinlage „Traminer“, was ebenfalls auf einen bevorzugten Tramineranbau schließen lässt.

Muskateller und Traminer wuchsen in höheren Lagen und gaben wenig, aber dafür einen hervorragenden Wein. Von den Muskatellersorten war der schwarze besonders blüteempfindlich, der rote war für das Faulen sehr anfällig. Er galt aber als reicher tragend als der weiße Muskateller. Mit anderen Traubensorten vermischt und eng gestockt, gedieh der Muskateller nicht und bildete nur wenig Trauben aus. Sie Sorte sollte deshalb frei stehen und weit gestockt sein. Der Traminer galt als mittelmäßig fruchtbar, hingegen resistent in der Blüte. Nur durch gutes Düngen verhinderte man, dass Traminerstöcke zu schnell alterten und nur schwaches Holz trieben.

Mit den edlen Muskateller- und Traminerweinen konnte im Zabergäu der aus den Elben gewonnene Wein nicht konkurrieren. Die Elbe, auch Elbling genannt, eine der meistverbreiteten und ältesten Sorten im deutschen Südwesten, war eine Rebe minderer Qualität, die im Gegensatz zu den Muskateller- und Traminerreben reichlich bis sehr viel Most lieferte. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang die Erklärung des Güglinger Magistrats aus dem Jahre 1567 hinsichtlich des geringen Weinzehntertrags auf ihrer Markung: Ihre Vorfahren hätten die Weinberge mit Grab- und Elbenstöcken eingepflanzt. Diese lieferten zwar viel Wein, der jedoch im Zabergäu nicht verkäuflich gewesen sei. Deshalb hätte man nach vorangegangenem Hagel und Fehljahren daran gedacht, die Elblinge zu entfernen und an ihrer Stelle gute Traminer und Muskateller zu pflanzen.

Seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts finden sich in den Quellen keine Angaben mehr zu den hier angebauten Rebsorten; es ist nur noch von „Weinwachs“, „Gewächs“ und „Gattungen“ die Rede. Im Laufe des 18. Jahrhunderts kam es jedoch zu einem einschneidenden Wandel im Rebsatz. Ungünstige Witterungsverhältnisse, die zu häufigen Ertragsausfällen führten, die relativ hohe Besteuerung der Weinberge und niedere Weinpreise zwangen die Weingärtner dazu, ertragreichere Sorten zu wählen, um Weinfehljahre wirtschaftlich besser überstehen zu können. Um das Risiko so gering wie möglich zu halten, baute man eine Sorte wie den Sylvaner bevorzugt an. Der Sylvaner ließ sich in beinahe jedem Boden anpflanzen, hatte fast jedes Jahr Trauben und erfror auch im Frühjahr nicht zu stark, weil er besonders kleine Beiaugen hatte, die nach Frostschäden immer noch austreiben konnten. Diese Eigenschaften führten zu seiner Bezeichnung „Schuldenzahler“. Mischen mit Trollingern verbesserte die Lagerfähigkeit des Sylvanerweins. Das Brackenheimer Amtsgrundbuch von 1820 gibt als die am häufigsten vorkommenden Rebsorten den groß- und kleinbeerigen Trollinger, Elben (vorwiegend Weißelben) und Sylvaner an. Diese Sorten dominierten auch noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Im Brackenheim des 20. Jahrhunderts sollte dann aber der Lemberger die Rolle spielen, die der Muskateller hier im 16. Jahrhundert innehatte.

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