Mit Pauken und Trompeten Weihnachten entgegen: Minutenlange Ovationen für ein brillantes Weihnachtsoratorium in der Jakobuskirche
„Jauchzet, frohlocket! auf, preiset die Tage…”
Überwältigend, dabei durchaus beschwingt, ertönen die Jubelklänge des rund 70-köpfigen Bezirksprojektchors in der bis auf den letzten Platz gefüllten Jakobuskirche. Es erschallen freudig-markante Paukenschläge, dann setzen die Pikkolotrompeten mit ihrem hellen, aber kräftigen Ton fanfarenmäßig ein und lassen ahnen, dass etwas Wunderbares bevorsteht.
Das dritte Adventswochenende - mit dem Sonntag der Freude, „Gaudete!” - steht für die evangelische Stadtkirche und deren Bezirkskantorin Gabriele Bender als Leiterin und Dirigentin ganz im Zeichen von Johann Sebastian Bach, dessen Weihnachtsoratorium gleich zweimal auf unterschiedliche Weise aufgeführt wird.
Mit rund 35 Kindern der Kinderkantorei im Alter von vier bis zwölf Jahren, unterstützt vom Bezirksprojektchor und begleitet vom Stuttgarter Trompetenensemble, dem Kantatenorchester Brackenheim und Vokalsolisten führt Gabriele Bender am Samstagnachmittag Bachs Werk in der Fassung von Michael Gusenbauer auf. Die Weihnachtsgeschichte erzählt dabei Marcel Heinz, der auch in Interaktion mit den Kindern dem Publikum in der vollbesetzten Kirche die wichtigsten Instrumente des Orchesters vorstellt.
Bachs Monumentalwerk ist auch heute noch ein fester Bestandteil vieler Weihnachtskonzerte.Der frühe Sonntagabend bietet dem begeisterten, teils von weit angereisten Publikum ein großartiges Hörerlebnis mit den ersten drei Teilen des Oratoriums, mit dabei dieselben Ensembles wie am Samstag und die hervorragenden Solisten Miriam Burkhardt, Sopran, Julika Hing, Alt, Kilian Wacker, Tenor, und Bastian Levacher, Bass.
Erzählt wird die Weihnachtsgeschichte vom Evangelisten, dem jungen Tenor Kilian Wacker, meist in lebendigem, sehr klarem Sprechgesang, nur wenig instrumental begleitet, von der Schätzung in Bethlehem über die Geburt Jesu bis zur Verkündung der Engel und Anbetung der Hirten.
Was der Evangelist verkündet, wird in melodischen Rezitativen und Arien verstärkt. Zarte Liebesmetaphorik bestimmt die Arie von Julika Hing über die Braut Zion, die sehnsüchtig auf den liebsten Bräutigam wartet. Untermalt werden die Arien einfühlsam von Geige, Oboe, Klarinette - einem Hauptinstrument des Oratoriums -, Cello und Truhenorgel. Letztere begleitet das gesamte Werk.
Der gewaltige Chor setzt dem ein Ende mit der Frage „Wie soll ich dich empfangen”, wofür Bach die schwermütige Melodie von „Ein Haupt voll Blut und Wunden” verwendet, so wie er überhaupt immer wieder auf bereits existierende Musikstücke zurückgreift, sie „parodiert”.
Ein Höhepunkt, nur sehr akzentuiert begleitet, ist der Zwiegesang von Miriam Burkhardt und Bastian Levacher im dritten Teil über die Liebe und das Erbarmen des göttlichen Vaters.
Rhythmische Hirtenmusik in nächtlicher Szene, poetische Texte, von Solisten und Chor ausdrucksstark präsentierte Melodien, Stimmungswechsel von Dur zu Moll – das bachsche Oratorium hat bis heute seine Faszination nicht verloren.
Das Ende mit Pauken und Trompeten und einem großartigen Chor ist wie der Beginn furios: mit der Wiederholung des „Herrscher des Himmels”!
Der tosende Jubel des hingerissenen Publikums will kein Ende nehmen, sodass Gabriele Bender humorvoll mitteilt: „Vielen Dank! Es gibt keine Zugabe!”
Helga El-Kothany
